Marionetten

20.04.2014 von Anne-Kathrin Koch

Heute morgen bin ich, ohne wirklich guten Grund (aber seit wann braucht Frau den schon), schlecht gelaunt aufgewacht. Doch ich hatte mir vorgenommen, dir zu Ostern eine ganz bestimmte Geschichte zu erzählen, und wie immer, tut es auch mir gut und dreht mich wieder in die richtige Richtung. Geben hilft.

Vor einigen Jahren war ich mit ein paar Freunden in Israel unterwegs. Wir fuhren mit einem Mietauto von Tel Aviv Richtung Totes Meer, und auf dieser (etwa vier bis fünf Stunden) größtenteils Wüsten-Strecke gab es immer wieder Grenzübergänge, die von Fahrbahnhöckern angekündigt und von bewaffneten Soldaten bewacht wurden. Zwischendurch wechselten wir den Fahrer, und während ich ihm von meinem Rücksitz aus zusah, wie er ums Auto herum zur Fahrer-Tür ging, dachte ich: "Hoffentlich fährt er nicht so [unkoordiniert/wackelig] wie er läuft". Er fuhr etwas zu zügig und nicht sehr ruhig und sicher in der Geschwindigkeit, aber ok genug, dass ich nichts sagte. Ich betrachtete es als eine Hingabe-Gelegenheit und das war ok.

Irgendwann kam wieder so ein Grenzübergang, ich sah ihn früher als er und wunderte mich, dass er nicht verlangsamte... Aber sowas geht ja immer recht schnell, und bis Gedanken dann in Worte umgesetzt sind, dauert in solchen Momenten unglaublich lange. Irgendwann sah auch er die Fahrbahnhöcker und trat im "ich-bin-zu-spät-dran"- Reflex energisch auf die Kupplung, um zu schalten. Es war jedoch ein Automatik-Getriebe, und die "Kupplung" war die Bremse, die er komplett durchgedrückt hatte....

Obwohl ich es nicht wusste, WUSSTE ich, dass ein Auto hinter uns war und dass es in unseres hineinfahren würde. Der harte Aufprall folgte diesem Wissen und in genau dem Moment des Zusammenstoßes öffnete sich in meinem Bewusstsein ein Bewusstseins-Fenster, das jenseits von Zeit, Raum und Körper war, und eine Einsicht offenbarte sich. Im nächsten Moment erlebte ich mich wieder in meinem Körper und wurde zurück in den Sitz gedrückt. Die Zeit ging weiter.

Bis auf ein ziemliches Schleudertrauma waren wir alle unverletzt und verbrachten die nächsten Stunden verschwiegen an einer Bushaltestelle an einem Grenzübergang in der Wüste und warteten auf den Abschleppdienst. Ich hatte also viel Zeit, um mir tiefen-psychologische Gedanken darüber zu machen, wieso ich diesen Unfall auf einer unbewussten Ebene gewollt, ja sogar arrangiert hatte - und mich darüber schlecht zu fühlen. Der Moment von dem anderen Bewusstseins-Fenster war vorerst vergessen.

Erst Wochen später, als ich mir von den Schuldgefühlen eine kleine Pause gönnte, trat diese Erinnerung wieder hervor, und die Einsicht war so tiefgründig und stark, wie in dem Moment, als ich sie erlebte. Sie lautete:

"Wir sind nur Marionetten, die den Tanz des Lebens tanzen. Wir treffen keine einzige Entscheidung, wir initiieren keine einzige Handlung. Doch wir sind in besten Händen. Das, was uns hält und führt, hat nichts als Liebe für uns übrig und ist die Weisheit per se. Der Teppich unserer Reise wurde ausgerollt und längst wieder zusammengerollt. Wir sind scheinbar aus dem Paradies gefallen, doch schon längst wieder zurückgekehrt. Es ist bereits alles geschehen, und es gibt nichts, was wir tun könnten oder müssten. Wir sind gehalten und alles ist gut."
Ich hörte keine Worte, ich sah keine Bilder. Doch ich erhaschte einen Einblick in eine andere Wirklichkeit. Ich wusste, dass es stimmte, auch, dass ich nur Marionette bin und nichts dagegen tun konnte. Es beunruhigte mich keineswegs, im Gegenteil. Ich empfand tiefen Frieden. Alles war gut.

So leben wir unser Leben. Wir treffen Entscheidungen und initiieren Handlungen und sind hoffentlich nicht nur Marionetten. Wir haben Ziele und Ehrgeiz, erleben Höhen und Tiefen, und kommen voran.

Doch jenseits davon gibt es einen Ort, an dem all das keine Bedeutung hat. Denn dort erleben wir, dass wir geliebt, getragen und gehalten sind. Und alles ist gut.

 

Anne-Kathrin Koch

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